[B]Klinik[/B]
Der atypische Gesichtsschmerz gilt als diagnostischer Sammelbegriff für anderweitig nicht klassifizierbare primär einseitige Schmerzsyndrome im Gesichtsbereich. Die International Headache Society definiert den atypischen Gesichtsschmerz als persistierenden Gesichtsschmerz ohne organische Ursachen. Neurologische Ausfallserscheinungen, insbesondere sensible Defizite oder andere körperliche Symptome fehlen. Die sog. atypische „Odontalgie“ (Zahnschmerzen/brennen) und die „Glossodynie (Zungenschmerzen/brennen)“ werden als Unterformen des atypischen Gesichtsschmerzes angesehen.

In mehr als der Hälfte ist der atypische Gesichtsschmerz einseitig, beim beidseitigen Auftreten seitenbetont. Es sind aber auch ein Seitenwechsel und ein Auftreten an mehreren Stellen gleichzeitig möglich, wobei die Oberkieferregion bevorzugt ist. Der Schmerz ist eher oberflächlich oder in der Tiefe lokalisiert oder beides gleichzeitig.

Triggerzonen oder Auslösefaktoren (Stress oder Wetterwechsel) sind eher die Ausnahme. Der Schmerz unterbricht den Schlaf nur selten. Fast immer besteht ein täglicher, kontinuierlicher Dauerschmerz von wechselnder Intensität. Attacken sind selten. Die Schmerzqualität wird am häufigsten als bohrend, brennend, stechend, drückend und pulsierend angegeben, oft werden mehrere unterschiedliche Schmerzqualitäten beschrieben.

Beklagt werden, ohne dass dies bei der neurologischen Untersuchung zu objektivieren ist, Dys- und Parästhesien (Mißempfindungen) im Schmerzbereich. Auffallend ist die Diskrepanz zwischen der Angabe unerträglicher Schmerzen und dem emotionslosen Verhalten des Patienten während seiner Schmerzschilderung. Der atypische Gesichtsschmerz kann nach Verletzung, Operation und Infiltration im Bereich des Gesichtes, der Zähne und des Gaumens auftreten und ohne fassbare organische Ursache persistieren. Die Patienten drängen nicht selten von sich aus auf Zahnbehandlungen, Ohr-Operationen, Injektions- und Infiltrations-Therapie mit konsekutiven Sekundärschäden an Geweben, Gelenken, Fascien, Muskeln und neuronalen Strukturen, wodurch das klinische Bild kompliziert und chronifiziert wird. Operative Eingriffe bewirken im wesentlichen keine lang anhaltende Verbesserung, die Mehrheit beklagt eher eine Verschlechterung.

[B]Epidemiologie[/B]
Inzidenz, Prävalenz und Spontanverlauf des atypischen Gesichtsschmerzes sind nicht bekannt. In 90 % der Fälle sind Frauen im Alter von 30-60 Jahren betroffen, symptomfreie Phasen treten in 50 % der Fälle entweder spontan oder unter Behandlung auf und halten Wochen bis Monate an. Der Neurologe sieht sie meist nach umfassender Diagnostik und verschiedenen Eingriffen wie Zahnextraktionen, Wurzelbehandlungen, nach Versorgung mit Gebissschienen und Kieferprothesen, nach Thermokoagulation des N. trigeminus und wiederholten Kieferhöhlen-Operationen.

[B]Ätiologie[/B]
Der atypische Gesichtsschmerz geht in mehr als 60% mit unterschiedlichen psychischen Auffälligkeiten einher. Die positiven Effekte von Antidepressiva beruhen aber nicht nur auf ihren antidepressiven Eigenschaften, sondern auch auf ihren zusätzlichen analgetischen (Schmerz lindernden) Effekten. Diskutiert werden zum einen eine Veränderung der Schmerzschwelle in der Eintrittszone des N. trigeminus und zum anderen Mikrotraumata, die zu einer kontinuierlichen neuronalen Stimulation mit Spontanaktivität im Trigeminusnerven führen. Vorstellbar ist, dass eine periphere Läsion des Nerven und der Nervenwurzeln in der Nähe des Hirnstammes ektopische Aktionspotentiale mit ephaptischen Fehlschlüssen auslösen kann, die vom Trigeminuskern nicht mehr supprimiert werden und dadurch Schmerzen verursachen. Eine zusätzliche Läsion des peripheren Nerven, z.B. durch einen chirurgischen Eingriff, bewirkt dann die Akzentuierung und Chronifizierung der Symptomatik.

[B]Diagnostik[/B]
Die Differentialdiagnose des atypischen Gesichtsschmerzes betrifft neben raumfordernden und infektiösen Prozessen den cervikogenen Kopfschmerz, den Clusterkopfschmerz, die Trigeminus- und Glossopharyngeusneuralgie, die postzosterische Neuralgie, den Gesichtsschmerz zentraler Genese, das Kiefergelenksyndrom, das myofasciale Schmerzsyndrom, das Sjögren-Syndrom und die Trigeminusneuropathie. Die Ausschlussdiagnostik umfasst neben einer neurologischen Untersuchung eine zahnärztliche, HNO-ärztliche und augenärztliche Stellungnahme, je nach Verdachtsdiagnose Röntgenaufnahmen der Nasennebenhöhlen bzw. eine CCT oder MR. Gesucht werden muss nach intracraniell gelegenen Tumoren des N. trigeminus oder seines Ganglions, Raumforderungen im Bereich des Kleinhirnbrückenwinkels, Tumoren der Schädelbasis, der Orbita und des Nasopharynx sowie Infektionen im Bereich der Kiefer oder in Folge von Zahnextraktionen.

[B]Therapie[/B]
Der atypische Gesichtsschmerz spricht auf medikamentöse Behandlungsversuche nur selten an. Analgetika wie auch Opioide sind ebenso wenig effektiv wie Akupunktur und Nervenblockaden, Infrarotbestrahlung, Neuraltherapie, autogenes Training, Physiotherapie, Psychotherapie, chiropraktische Manöver, Hypnose und Hydrotherapie. Operative Eingriffe müssen konsequent vermieden werden. Antidepressiva bzw. Verhaltenstherapie allein oder in Kombination stellen bis heute die Standardtherapie des atypischen Gesichtsschmerzes dar. Durch die Therapie kann eine Schmerzlinderung erreicht werden, eine Heilung ist die Ausnahme. Die Patienten sollten deshalb in ihrer Arbeitsfähigkeit bestärkt werden. Eine pragmatische Therapie schließt die Beratung dahingehend ein, dass es sich beim atypischen Gesichtsschmerz um keine gefährliche organische Erkrankung handelt und der Schmerz „real“ und nicht „eingebildet“ ist.

Verhaltenstherapeutische Maßnahmen mit dem Ziel, Schmerzen realistisch einzuschätzen und ein adäquateres Schmerzmanagement zu erreichen, gelten als besonders effektiv. Die optimale medikamentöse Therapie des atypischen Gesichtsschmerzes ist durch Studien, die EBM-Kriterien entsprechen, nicht zu untermauern.

Sonderformen: [URL=”http://www.denta-beaute.at/zahnforum/neuigkeiten-trends-der-medizin-zahnmedizin/1351-burning-mouth-syndrom.html#post3725″]Burning Mouth Syndrom[/URL]

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